Semme gen. Barnhuse

Der Bildstock Brotschäppchen
Wer war Gaudens Semme gen. Barnhuse

von Ferdinand Ferber

Die dritte Station der Johannesprozession im Kirchspiel Allagen war früher bei dem Heiligenhäuschen in der Feldflur auf der Haar, dem sogenannten Brotschäppchen. (1,2)

Am Brotschäppchen

Streng genommen ist Brotschäppchen die Bezeichnung für einen kleinen Brotschrank bzw. für ein Brotschränkchen.

Dieses Heiligenhäuschen wurde über Generationen hinweg von den auf den Haaräckern tätigen Bauern und Feldarbeitern genutzt, um die Speisen und Getränke, über den üblicherweise langen Arbeitstag hinweg, kühl und frisch zu halten. Ein Brotschäppchen im eigentlichen Sinne des Wortes. (3)

Die Bewahrer

Das im Jahre 1798 errichtete Heiligenhäuschen stand ursprünglich unter einer großen Linde auf dem Grundstück Haarhoff gen . Barnhuse in der Feldflur zwischen Westendorf und dem Haarweg.

Es wurde später auf das Nachbargrundstück der Familie Hense versetzt, wo es heute noch steht.

Das ca. 50 m2 umfassende Flurstück um das Brotschäppchen herum ist heute im Besitz der Kirchengemeinde Allagen, die vor einiger Zeit diese Parzelle eigens für den Zweck des Erhalts dieses historischen Heiligenhäuschens erworben hat.

Im Jahre 1983 wurde dieser Bildstock bereits umfassend restauriert, nachdem die Abdeckung gestohlen worden war und ein heftiger Sturm die Linde umstürzen ließ und damit der Substanz stark zugesetzt wurde.

Das Heiligenhäuschen Brotschäppchen

Nicht nur dieser Bildstock selbst hat eine lange Geschichte, sondern auch die Familie Barnhuse.

Die Barnhusen

Der Ursprung geht zurück auf eine Familie Soestmann in Allagen Westendorf. Antoni Soestmann verheiratet sich ca. 1718 mit Elisabeth Huneke aus dem Kirchspiel Mülheim. Von den sechs Kindern der Eheleute finden sich lediglich Spuren bei der jüngsten Tochter Anna Elisabeth, die im Jahre 1755 den Joannis Semme heiratet, dessen Herkunft noch recherchiert werden muss.

Das älteste Kind der Eheleute ist schließlich Joannes Gaudens Semme, der sich im Jahre 1789 mit der Maria Clara Necker gen. Barnhuse verheiratet. Sie ist die Erbtochter des Hofes Schulte gen. Barnhuse zu Westendorf, deren Hofgebäude im Jahre 1688 errichtet wurde. 

Balkeninschrift

O Got vergis nicht mein ich gehe aus oder ein
Anno 1688 den 3. Augusti hat Johan Barnhusen und Agata Hense
dis Haus bauwen lasen

Es stellen sich in der Folge drei Töchter ein, von denen die jüngste im Jahre 1795 geboren wird. Der ersehnte Erbsohn steht noch aus.

In diese Zeit fällt nun die Errichtung des besagten Heiligenhäuschens, mit dem Erfolg, dass im Jahre 1800 endlich der männliche Spross Henricus Semme gen. Barnhuse geboren wird.

Das Schicksal meint es leider nicht gut mit Gaudens Semme. Seine Frau verstirbt nach kurzer Zeit. Der zweiten Ehe mit Anna Gertrud Harlinghaus im Jahre 1804 entstammen zwei Töchter, die ihre Mutter ebenfalls bereits nach kurzer Zeit verlieren.

Der dritten Ehe im Jahre 1807 des Gaudens Semme mit Anna Clara Tappenhölter vom Tappenhof auf der Haar entstammen fünf weitere Kinder. Gaudenz Semme verstirbt im Jahre 1822.

Sein ältester Sohn und Hoferbe folgt ihm bereits im Jahre 1827 im Tode nach. Wenige Monate nach dessen Tod heiratet seine Schwester Eva Semme den Bernard Hermann Brass aus Anröchte, der sich nun Barnhuse nennt.

Die beiden Töchter dieser Ehe bilden in den Folgejahren die Ursprünge der Niederbergheimer Familie Schulte gen. Rademacher und der Hirschberger Familie Schulte gen. Neuschulte.

Deren ältester Bruder Franz Anton Brass gen. Barnhuse heiratet im Jahre 1856 die Lisette Loag aus Overhagen Hellinghausen. Sie ist die Schwester des Heinrich Loag, der 1869 die Lisette Gröblinghoff gen. Goesmann vom Nachbarhof in Westendorf heiratet.

Im Hause Barnhuse werden nun zehn Kinder geboren. Der älteste Sohn und die drei Töchter versterben bereits im Kindes- bzw. Jugendlichenalter.

Das Jahr 1881 soll schließlich zum Schicksalsjahr des Hauses Barnhuse werden. Im Juni 1881 stirbt die Mutter Lisette Loag, im Juli folgt ihr der älteste Sohn bzw. Hoferbe und im Oktober der Vater der Familie.

Die verbleibenden Waisenkinder finden Aufnahme bei ihrem Onkel Heinrich Loag in Niederbergheim, wo in den Folgejahren noch zwei weitere Kinder der Familie Brass versterben. Von der großen Familie Brass bleiben lediglich Spuren des Heinrich Brass gen. Barnhuse, der zunächst als Verwalter in Niederbergheim tätig ist. Er heiratet 1889 die Maria Linnemann aus Niederbergheim. Deren sieben Kinder zeigen die Spur des weiteren Lebensweges auf. Ab 1893 wird die Familie als Gastwirtsfamilie in Ellingsen tätig und ab 1895 als Händlerfamilie in Soest. Damit verlieren sich die Spuren der Familie Brass bzw. Barnhuse.

Der alte Hof Barnhuse wird Mitte der 1880er Jahre von der Familie Hershoff gen. Bittis aus Günne übernommen. Man nennt sich in der Folgeszeit Hershoff gen. Barnhuse. Schließlich heiratet der Adam Wilhelm Haarhoff aus Werl Oberbergstraße die Tochter des Hauses Clara Hershoff gen. Barnhuse und bildet bis heute den Stamm des Hauses Haarhoff gen. Barnhuse in Westendorf.

All dieses und noch viel mehr kann bzw. könnte ein unscheinbarer und verwitterter Bildstock erzählen, wenn man ihm zuhören könnte.

Die Inschrift auf dem Bildstock ist inzwischen vollständig unleserlich geworden.

Familienforschung und Heimatpflege

Um diese geschichtlichen Hintergründe zu bewahren, hat sich in den vergangenen Monaten die Gruppe Familienforschung und Heimatpflege Allagen um den Erhalt bemüht und die Anbringung einer Tafel an dem Heiligenhaus organisiert.

Montage der Inschrift als gesonderte Tafel

Unterstützung

Die Granittafel hat der Bremer Importeur für Natursteinprodukte Antony Pushparajah fertigen lassen und als Schenkung überreicht. Die Vorgaben bezüglich Material und Ausführung stammen von Jürgen Wrede, der aus seiner früheren beruflichen Tätigkeit heraus inzwischen freundschaftliche Beziehungen nach Bremen und nach Indien, dem Fertigungsort, pflegt.

Der Ziseleur, Ornamenteur und Bildhauer Srinivasan (l) und Jürgen Wrede im indischen Bundesstaat Tamil Nadu bei der Arbeitsabstimmung

Das Bildhauer- und Steinmetzhandwerk hat bekanntlich eine mittlerweile 160jährige Tradition im Möhnetal. Umso schöner ist es, dass diese Traditionen und Fertigkeiten international Wirkung zeigen.

Zukunft

Es ist nun geplant, diesem historischen Platz seine frühere Bedeutung zurückzugeben und den Begriff am Brotschäppchen neu zu etablieren. Der Erhalt des Häuschens und die Anbringung der Tafel sind die ersten Schritte. Informationen mittels QR-Code und Aufstellung von Sitzbänken sollen die weiteren Schritte sein.

Quellen:

(1) Kraft, Bernard: Geschichte des Kirchspiels Allagen. Ein Heimatbuch. 1930, S50f
(2) Kraft, Bernard: Geschichte des Kirchspiels Allagen. Ein Heimatbuch. 1967, S72
(3) Pankoke, Theo: persönliche Mitteilung, 2020

Anmerkung:

in der Neuauflage von Bernard Kraft aus dem Jahre 1967 wird fälschlicherweise das Jahr 1708 als Errichtungsjahr genannt.