am Kalkofen

Ein Steinbruch, der es in sich hat

Wer erinnert sich nicht an das erste legendäre Open-Air Festival im Sommer des Jahres 1984 im stillgelegten Steinbruch – Am Kalkofen – nördlich von Allagen-Westendorf?

Die Organisatoren schwärmen von dieser besonderen Lokation:

„… keine Lärmbelästigung von Anwohnern, eine Natur- Arena mit einer grandiosen ohrförmigen Felswandabgrenzung, ausreichend viel Platz für Zelte und Autos auf den umliegenden Feldern und vor allem Wasser- und Stromversorgung durch eine nebenan liegende Firma. ….“ (1)

Grandiose Felswandabgrenzung (1)

Paläontologisches Bodendenkmal

Diese grandiose Felswandabgrenzung hat aber auch noch eine weitere Bedeutung, die sie inzwischen zu einem Bodendenkmal hat werden lassen.

„Das 18 m mächtige Profil des aufgelassenen Steinbruchs am Kalkofen bei Allagen-Westendorf umfaßt Ablagerungen vom hohen Ober-Cenoman bis in das tiefe Mittel-Turon. Eine Invertebraten- und Pisces-Fauna mit ca. 50 Arten kennzeichnet diesen Aufschluß und hebt ihn von anderen NW-deutschen Vorkommen ab.“

Steinbruch am Kalkofen, Warstein-Allagen: 90 Millionen Jahre alte Gesteinsschichten der Kreidezeit mit fossilreichen Meeresablagerungen, Aufschlussfoto von 2015 (3)

„Der seit 1968 aufgelassene Steinbruch am Kalkofen, nördlich Allagen-Westendorf, ist schon lange bei spezialisierten Amateur-Paläontologen für seine wohl nicht unbedingt reichhaltige, aber dagegen diverse und durch viele sonst seltene Arten gekennzeichnet Invertebraten und Pisces-Fauna bekannt. Schon vor einigen Jahren reagierte das Westfälische Museum für Naturkunde (Münster) auf entsprechende Fundmeldungen durch Sichtung privater Sammlungen und damit einhergehend durch gezielte Ankäufe sowie Anfertigung von Duplikaten bedeutsamer Fundstücke. Offen blieben aber bisher die detaillierte fachwissenschaftliche Aufnahme und Bewertung des Profils. ….“

Diese Kurzfassung eines wissenschaftlichen Berichtes aus dem Jahre 1992 mit dem Titel – Das tiefe Turon von Allagen-Westendorf – von Ulrich Kaplan beschreibt die Situation vortrefflich.(2)

Grafisch aufgearbeitete Darstellung typischer und biostratigraphisch bedeutsamer Fossilien aus dem Unterturon und basalen Mittelturon. Allagen Westendorf, Steinbruch am Kalkofen (3)

Das Alter der gefundenen und klassifizierten Ablagerungen im Steinbruch in Allagen Westendorf beträgt etwa 94 – 93 Mill. Jahre.

Nachfolgend ist eine Auswahl der Originalfunde am aufgelassener Steinbruch am Kalkofen Warstein-Allagen gezeigt.(4) 

Collignoniceras woollgari woollgari (Mantell, 1822)

Lesestück Grenzbereich Unterturonium – Mittelturonium, WMNM P64130 ex Coll. Sauerland, Taf. 30, Fig. 1-2. (4)
Mittelturonium, basale C. woollgari-Zone, Coll. Palluch, Abguss WMNM P6929, Taf. 30 Fig. 7. (4)

 

 

 

Mittelturonium, C. woollgari-Zone, Mytiloides hercynicus-Event II, WMNM P6926, Taf. 31, Fig. 7-8.

Cibolaites molenaariCobban & Hook, 1983

Unterturonium, obere M. nodosoides-Zone, Taf. 36, Fig. 1: Microconch, WMNM P6927. (4)
Unterturonium, obere M. nodosoides-Zone, Taf. 36 Fig. 2, WMNM P6928. (4)

 

 

 

 

 

 

 

Die hohe wissenschaftliche Bedeutung der Forschungsarbeiten besteht darin, dass der ursprünglich aus dem Western Interior der USA beschriebene Ammonit Cibolaites molenaari hier erstmals in Europa nachgewiesen werden konnte.(3,4)

Das Kreidemeer

Die bäuerlichen Nutzflächen um diesen besonderen Steinbruch herum sind geprägt von Kalk- und Kreideböden, wodurch sich uralte Flurbezeichnungen, wie – das weiße Feld – erklären lassen.

Die Landwirte dieser Gegend waren im Zusammenhang mit der laufenden Bodenbegutachtung stets auch aufmerksame Geologen, die so manchen steinernen Fund als ungewöhnlich und erhaltenswert erkannt haben.

Von dem Landwirt Ernst Möller wurde bei der Futterrübenernte ein solches Objekt gefunden und viele Jahre aufbewahrt, bis eine Analyse durch das geologische Landesamt in Krefeld dieses Exponat als einen Haifischzahn, eines Vorfahren von Sandtigerhaien, einordnen konnte.

Versteinerter Zahn eines Haifisches

Kalkbrenner Schmitz gen. Unkrüer und Nachfolger

Es ist nicht unwichtig zu wissen, dass dieser Steinbruch die existenzielle Grundlage für die Familie des Heinrich Schmitz gen. Unkrüer (*1868 – +1930) aus dem nahegelegenen Oberbergheim bedeutete, der den Bruch angelegt hatte, um als Kalkbrennerfamilie ihrem Broterwerb nachzugehen.

Seinem Sohn, dem Kalkbrenner Eberhard Schmitz gen. Unkrüer (*1903 – +1953), folgte die Nutzung durch die Firma Berghoff als Pachtbetrieb. Für die Familie des Betriebsleiters Johannes Tölle aus Salzkotten wurde ein kleines Wohnhaus errichtet. Als Produkt wurde, neben gebranntem Kalk, vorwiegend Kalkmergel für die Landwirtschaft gewonnen und regional vertrieben. Der spätere Betriebsleiter war Franz Hötte.

Seit 1972 wird die Betriebsstätte, als Industriegebiet ausgewiesen, von der Firma Walter Mester GmbH & Co.KG – Stahlverformung und Werkzeugbau als Industrieareal genutzt.

Da dieser Steinbruch ein Bodendenkmal darstellt, zudem ein Vogelschutzgebiet ist und auf Privatgrund liegt, ist das Betreten nur autorisierten Personen gestattet.

Alle drei Eigenschaften sichern den dauernden Erhalt dieses besonderen Areals, welches sich wunderbar umwandern läßt  und dem Wanderer die grandiose Felswandabgrenzung, die es in sich hat, näher bringt bzw. eine völlig neue Sicht auf die nähere Heimat gestattet.

Der Weg dorthin

Quellen:

(1) Peter Lohren: Kalkofenfestival, Web-Blog randblog.

(2) Ulrich Kaplan (1992): Das tiefe Turon von Allagen-Westendorf (Westfalen). Geologie und Paläontologie in Westfalen 21: 115–129; Münster.

(3) Ulrich Kaplan (2021): persönliche Mitteilungen; Gütersloh.

(4) William James Kennedy und Ulrich Kaplan (2019): Ammoniten aus dem Turonium des Münsterländer Kreidebeckens.- Geologie und Paläontologie in Westfalen, 92, 3-223; Münster.
https,//www.lwl.org/wmfn-download/Geologie_und_Palaeontologie_in_Westfalen/GuP_Heft_92.pdf

Anmerkung

Der Aufschluss wurde von Fossiliensammlern recht häufig aufgesucht und erlangte durch Hinweise von diesen an die Bodendenkmalpfleger wissenschaftliches Interesse. Deshalb führte das Westfälische Museum für Naturkunde im Jahr 1991 eine wissenschaftliche Grabung durch. Daraufhin wurde der Steinbruch, sowie der anschließende, nicht abgebaute Kalk bis in eine Entfernung von ca. 100 Meter als paläontologisches Bodendenkmal ausgewiesen. In der Denkmalliste der Stadt Warstein, Ortschaften Allagen und Niederbergheim ist die Lokalität als Bodendenkmal Nr. 2 unter der Bezeichnung „Mergelgrube“ aufgeführt (Eintrag vom 30. April 1996).